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Ein bisschen milder, ein bisschen wilder.

  • Nicola Bushuven
  • 24. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit
Nicola Bushuven Interior Designerin
NIC - Dipl. Des. Nicola Bushuven

Über das Älterwerden und einen schärferen Blick


Es gibt Berufe, da wird es mit jedem Jahr schwieriger. Alles, was körperliche Arbeit bedeutet, verlangt seinen Tribut. Ich bin in der glücklichen Situation, dass es bei mir fast anders herum ist: Die Scheuklappen gehen jeder Jahr ein bisschen weiter auf. Gestalterisch und menschlich. Ich sehe Dinge heute anders als früher. Das stimmt. Aber nicht weniger – mehr. Und nicht unschärfer – klarer. Ich brauche inzwischen zwar eine Brille, aber mein Blick ist schärfer als je zuvor. Mein Urteil auch.

Was sich verändert hat, ist der Fokus. Früher habe ich viel Energie darauf verwendet, Dinge abzufedern, abprallen zu lassen, die Hülle glatt zu halten. Das geht mit den Jahren weniger gut – und ich halte das inzwischen für einen Gewinn. Nicht weil ich keine Hülle mehr hätte, sondern weil ich jetzt erst richtig dahinter schauen kann. Auf den Kern. Auf das, was wirklich zählt.

Ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig. Ich habe erfahren, dass das Leben endlich ist – weil der Freundeskreis nicht mehr vollständig ist, weil man Dinge verliert, die man für selbstverständlich hielt. Und weil man irgendwann feststellt, dass man felsenfest davon überzeugt war, dass nur die anderen Falten kriegen. Doch das war ein Irrtum. Verdammt. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht erwartet hatte.

Weil ich inzwischen beobachten konnte, wie Dinge auftauchen, verschwinden und wiederkommen – Trends, Ideen, Überzeugungen – bewerte ich das alles ganz anders. Trends sind mir nicht mehr wichtig. Nicht weil ich sie nicht wahrnehme, sondern weil ich weiß, dass sie vergehen. Was bleibt, ist der Kern. Was bleibt, ist das, was immer funktioniert hat und immer funktionieren wird.

Das macht ruhiger. Und gleichzeitig ungeduldiger – mit allem, was nur Oberfläche ist. In meiner Arbeit merke ich das besonders. Ich erkenne schlechtes Design sofort. Und ich sage es auch. Das habe ich früher nicht gemacht – nicht so direkt, nicht so selbstverständlich. Heute halte ich damit nicht mehr hinters Berg. Wozu engagiert mich jemand, wenn ich nur nicke?

Ein Kunde hat mir mal am Telefon gesagt: "Und jetzt verdrehen Sie die Augen und möchten mir sagen, dass ich es so machen soll, wie Sie es gezeichnet haben."

Dabei hatte ich gar nichts gesagt.

Aber es war wohl doch zu hören. Ein bisschen milder bin ich geworden – mit Menschen, mit Umwegen, mit dem, was sich nicht ändern lässt. Ein bisschen wilder – mit allem, was sich ändern lässt, aber nicht geändert wird, obwohl es sollte. Und sehr viel fokussierter auf das, was ich wirklich kann und wirklich will.

Neugierig bin ich geblieben. Das ist, glaube ich, die einzige Voraussetzung dafür, dass das Älterwerden sich lohnt. Wer aufhört zu schauen, dem nützt auch die Erfahrung nichts. Aber wer nicht aufhört – der gewinnt mit jedem Jahr einen etwas weiteren Blick.

Die Scheuklappen werden nie ganz weg sein, das ist menschlich. Und ich gestehe, dass ich manche Dinge nicht gerne sehen möchte. Aber sie werden weiter. Für meine Kunden bedeutet das: Ich habe viel gesehen, viel ausprobiert – und lasse mich nicht mehr verunsichern. Es gibt eine Linie. Und ich weiß, wo sie ist. Herzliche Grüße NIC

 
 
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