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Die Zeitlos-Lüge

  • Nicola Bushuven
  • 25. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
zeitloses Sofa mit losem Kissen in leeren Wohnraum

Es mag daran liegen, dass ich einmal einen Beitrag zum Thema „zeitlos einrichten“ gelesen habe –und der fürsorgliche Algorithmus nun meint, er müsse mir immer wieder Ähnliches zeigen.

Oder es hat seine Ursache in einem wieder erstarkten Bedürfnis nach Langlebigkeit und stilistischer Stabilität.



Beides nachvollziehbar, das letztere sogar noch mehr. Wenn die Welt wackelt oder sich gefühlt stündlich ein Trend entwickelt, sehnt sich das Herz nach einem Anker.


Doch bei näherer Betrachtung ist vieles von dem, was nun als „zeitlos“ präsentiert wird, genau das nicht. Es ist vielmehr ein Zeitgeist-Ding. Zeitlosigkeit wird häufig mit einer bestimmten Ästhetik verwechselt: Dunkle Töne, satte Hölzer, gebürstetes Messing - wertvolle, schön anzuschauende Materialien.

Das fühlt sich stabil an und wird deshalb gern als „zeitlos“ etikettiert. Tatsächlich aber ist auch das eine Momentaufnahme.

Wer lange genug plant, renoviert oder gestaltet, erkennt Muster: Materialien, Farben und Formen kommen – und gehen.

Nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil sie immer auch Ausdruck ihrer Zeit sind.


Aber nicht zeitlos.


Ich darf das sagen, denn ich habe all das schon mindestens einmal wegrenoviert. Wenn man schon über mehrere Jahrzehnte in diesem Beruf tätig ist, bleibt das nicht aus und manchmal juckt es mich in den Fingern einen Kommentar unter einem Socialmedia-Post einer jungen Kollegin zu setzen. (Ein sehr verräterisches Bedürfnis, auf dem besten Weg zur alten Katzenlady. Das ist schlimmer als ein paar Falten im Gesicht und ich hoffe, dass ich dieses Zucken noch sehr lange unter Kontrolle behalten werde.)


„‚Zeitlos“ wird gerade ähnlich inflationär benutzt wie andere große Begriffe unserer Zeit.


Dabei ist das Thema nicht nur aktuell, sondern sehr spannend. Haben sich in vergangenen Zeiten Dinge nicht so schnell geändert, lag es weniger daran, dass die Leute einen besseren Stil hatten, sondern schlichtweg weniger Versuchung. Zeitlos einrichten – was bedeutet das eigentlich?

Trotzdem aber ist „zeitlos“ kein Hirngespinst. Es gibt einige Gestaltungsregeln, die immer gelten.


Viele dieser Regeln haben weniger mit Geschmack zu tun als mit Wahrnehmung.

Proportionen, Wiederholung, Rhythmus oder Materialehrlichkeit helfen uns, Räume intuitiv zu lesen. Sie geben Sicherheit, Orientierung und Ruhe, folgen keinen Moden, sondern Prinzipien.

Diese sind alt, sehr alt sogar, weil sie hilfreich für uns waren, frühzeitig Gefahren oder eine kostbare Nahrungsquelle zu erkennen. (Darüber gibt es interessante Literatur.)


Also zeitlose Regeln für zeitloses Gestalten.  Doch allen Prinzipien ist gemein, dass sie langweilig sind, bekommen sie nicht eine persönliche Note. Ohne diese bleiben sie blutleer und erst im Zusammenspiel mit Persönlichkeit entstehen Räume, die berühren.

Es wäre furchtbar, würden wir nur nach der Fibonacci-Spirale leben und unser Heim einrichten. Das ist wieder - dieses: Ja, es gibt Leitlinien, aber wer will schon immer danach leben?


Die Brüche sind das, was Zeitlosigkeit ausmacht.


Denn es gibt sie. Sie kennen alle diese eine Person, die immer gut aussieht, obwohl ihre Kleidung nicht der aktuellen Mode entspricht (Anna Wintour ist hier die Meisterin) oder deren Zuhause eine Wohnlichkeit ausstrahlt, die vielen anderen nicht gelingen will - obwohl edle Dinge es schmücken. Es ist die Persönlichkeit, die den Unterschied ausmacht und wahrhaft zeitlos ist nur das, was Sie wirklich lieben.Es sind die Dinge, die schon ewig in ihren Besitz sind und bei denen Sie nicht das Bedürfnis verspüren, sie zu erneuern. Oder schlimmer: bei denen Sie sehr traurig sind, wenn sie zerbrechen. Die Farben, zu denen Sie immer wieder zuerst greifen. Hört sich logisch und leicht an, aber warum ist da immer diese eine Ecke, die knirscht?


Dieses Knirschen hat oft wenig mit dem Objekt selbst zu tun.

Es entsteht aus Unsicherheit bei der Auswahl – und aus dem Wunsch, eine Entscheidung endlich „vom Tisch“ zu haben.

Man kauft etwas, das richtig wirkt, empfohlen wurde oder gut aussieht.

Aber nicht unbedingt etwas, das innerlich verankert ist.

Und genau dort beginnt das leise Unbehagen. Denn wie viel Zeit möchte man realistisch mit der Suche nach dem richtigen Sessel verbringen?

Und es liegt mir fern, das zu be- oder gar zu verurteilen. Da ich aber oft gefragt werde, was man gegen dieses „Gestaltungsgeknirsche“ tun kann und wie man sicherer bei der Auswahl wird, hier meine Antwort:


Nehmen Sie sich die Muße und entwickeln Sie Ihren eigenen Stil. Das ist leider nichts, was Ihnen in den Schoß fallen wird; es ist mehr so, als würden Sie nach langer Pause endlich mal wieder joggen. Die ersten Male sind anstrengend, aber mit jedem Kilometer wird es leichter und leichter und schließlich zu einer Selbstverständlichkeit.


Man kann nicht nur lernen, welche Farben harmonieren oder wie man mit Proportionen spielt - das ist Handwerk. Man kann auch lernen, zu erkennen, für was man sich begeistert. Das mag seltsam klingen - man sollte das doch wissen. Tatsächlich tun Sie das. Es liegt oft nur sehr tief vergraben und wenn man sich nicht mit dem Thema beschäftigt, bleibt es auch dort liegen.

Das ist völlig legitim. Nicht jeder Mensch hat Lust, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bei Unsicherheiten gibt es eine Menge dienstbarer Geister, die man um Hilfe bitten kann (Ein Glück für mich, sonst müsste ich etwas anderes arbeiten.)Aber allen anderen möchte ich gerne die Joggingschuhe in die Hand drücken und sie beim Training anfeuern.

 
 
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