Reihenhaus im Grundriss-Check: Etagentausch und Treppenform als Lösung
- Nicola Bushuven
- 7. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Juli
Oder: Wie man als Interior Designerin Teenagern zum Partybesuch verhilft.
14 Meter lang, 5,80 Meter breit. Lang und schmal ist der Normalfall beim Reihenhaus – und das ist zugleich sein größtes Problem. Dieser Grundriss-Check zeigt einen realen Fall: eine Familie mit genau diesem Ausgangsgrundriss, sogar noch etwas länger als üblich. Im Kern derselbe Konflikt, dem ich in fast jedem schmalen Reihenhaus-Grundriss begegne: Die Raumfolge ist eigentlich vorgegeben, aber was, wenn die Familie anders lebt?
Hier der Grundriss-Check:
Mit dieser Skizze kamen die Kunden auf mich zu. EG: Wohnen und Kochen, dazu HWR und Technik
OG: für die Eltern, mit einem Arbeitsbereich, einer Ankleide und einer Sauna
DG: für die Kinder, Bad in der Mitte, ein Raum zum Garten mit Balkon, der andere zur lauten Straße ohne Balkon

Die Küche an den Garten – dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Hier spielt sich der Alltag einer Familie ab, hier fällt Licht, hier ist Platz zum Ankommen. Im Garten spielen Kleinkinder sind im Blick, der große Tisch ist ein Anker im Alltag.
Das Problem entsteht nicht durch diese Entscheidung, sondern durch das, was sie verdrängt: Der Ruhebereich, das Wohnzimmer, rutscht in die Mitte des Hauses – direkt in die Hauptverkehrsader, die jeder nutzt, der von der Haustür zur Küche oder ins Obergeschoss will. Ein Ruheraum an der meistbegangenen Stelle des Hauses ist kein Ruheraum mehr. das Sofa ist ungeschützt, der Kamin sitzt irgendwie zwischen Küche und Wohnen.
Die Lösung lag nicht in mehr Fläche, sondern in einer anderen Treppenform. Eine veränderte Treppe schafft dem Wohnbereich Tiefe, die vorher fehlte, und unterbricht die direkte Sichtachse durch das Haus. Ergänzt durch eine echte Garderobe – für eine Familie mit Kindern kein Luxus, sondern Grundausstattung – und eine bereinigte Türsituation, die das typische Türenchaos am Hauseingang vermeidet. Das Ergebnis:Wenn der Paketbote (oder ein zu neugieriger Nachbar) klingelt, blickt der nicht mehr quer durchs ganze Haus in den privaten Bereich der Familie. Der Eingangsbereich kann durch eine Schiebetür komplett abgeschirmt werden.

Obergeschoss: Wo Kinder eigentlich hingehören
Ursprünglich war das Obergeschoss als Elternbereich gedacht – ruhig, zurückgezogen, oben. Klingt logisch, funktioniert aber selten. Kinder, die mit Freunden durchs Elternschlafzimmer-Stockwerk poltern, sind eine Sache. Die andere: Wie sollen Teenager sich unbemerkt aus dem Haus schleichen, wenn der Weg direkt vor der Schlafzimmertüre der Eltern vorbeiführt?

Die Kinderzimmer wandern ins Obergeschoss. Beide zum Garten ausgerichtet – zur lärmigen Straßenseite hin wäre der Schlaf gestört –, exakt gleich groß, um Diskussionen über Gerechtigkeit von vornherein zu vermeiden. Jedes Zimmer bekommt eine private Schlafkoje, die den restlichen Raum frei bespielbar lässt: Schreibtisch, Spielfläche, das, was ein Kinderzimmer über die Jahre eben braucht. Schränke wandern in den Flur, die Waschmaschine findet ihren Platz auf dem Weg zum Bad – effizienter als ein eigener Wäscheschacht, der zusätzliche Fläche kostet, ohne sie zurückzugeben. Der Flur selbst wird zum Gemeinschaftsbereich, belichtet durch den Luftraum und ein Dachflächenfenster im darüberliegenden Geschoss.

Und sollte der Kleiderschrank lieber im Zimmer stehen - hierfür gibt es gute Gründe, obwohl das für die Proportion des Raumes nicht perfekt ist - ist dies die Lösung:

Dachgeschoss: Der Rückzugsort, der mitwächst

Das oberste Geschoss gehört den Eltern – mit einem Bad, das eine Sauna einschließt, und einer Ankleide statt eines vollgestellten Schranks im Schlafzimmer. Der Arbeitsbereich, der ursprünglich im Schlafraum mitgeplant war, zieht in den Flur um, belichtet durch ein Dachflächenfenster von oben. Eine Nachtschicht am Schreibtisch stört so nicht mehr den Schlaf des Partners – das Schlafzimmer bleibt, was es sein soll: ein Ruheraum, kein Mehrzweckraum.
Und weil Familienleben sich verändert: Die dünne Wand zwischen den beiden Kinderzimmern im Obergeschoss ist bewusst als nicht tragend geplant. Ziehen die Kinder aus, lässt sie sich entfernen – aus zwei Zimmern wird ein großzügiges Schlafzimmer. Der Grundriss muss nicht für die nächsten 20 Jahre feststehen, um für die nächsten 20 Jahre zu funktionieren.

Was diese drei Geschosse verbindet
Kein Raum wurde vergrößert. Keine Wand wurde versetzt, um mehr Quadratmeter zu gewinnen. Die Veränderungen sind Verschiebungen: Wer wo schläft, wo eine Treppe steht, wo ein Fenster sitzt. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einem Grundriss, der auf dem Papier funktioniert, und einem, der im Alltag funktioniert.

Wenige Änderungen. Großer Effekt.
Ein Hinweis zur Einordnung: Ich bin Interior Designerin, keine Architektin. Ein Grundriss-Check ersetzt keine Architekten- oder Statikleistung: Ein Haus zu bauen, ist ein komplexes Unternehmen, die bauliche Umsetzung gehört in die Hände der jeweiligen Fachplanung.
Mein Grundriss-Check bietet Ihnen eine Analyse Ihrer Ideen, eine räumliche Diagnose und sicherlich frage ich Sie andere Dinge als Ihre Architektin/Ihr Architekt.
Das ist die Konsequenz aus 30 Jahren, in denen ein Hauptteil meiner Arbeit darin bestand, Sonderlösungen für Situationen zu erfinden, die man im Vorfeld viel eleganter hätte lösen können – meist ohne Mehraufwand.
Und falls Sie Ihren Kindern die Chance auf unerlaubte Ausflüge nicht verwehren wollen: Der Grundriss-Check zeigt, welche Verschiebungen auch Ihrem Entwurf noch guttun – bevor die ersten Wände stehen.
Herzliche Grüße
Ihre
NIC

