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Die Sache mit den Dingen - über den wahren Wert von Dingen

  • Nicola Bushuven
  • 7. Nov. 2025
  • 6 Min. Lesezeit



Neulich wurde ich gefragt, welches Ding aus unserem Haus ich bei einem Brand retten würde.

Meine Hunde, war die Antwort, obwohl diese weder Dinge noch klein sind. Und in der Annahme, dass mein Gatte sich selbst retten könnte.

„Aber was für ein Ding?“

Ich dachte eine Weile nach – aber es fiel mir nichts ein.

Das mag sehr ungewöhnlich sein für jemanden, der sich hauptberuflich mit Dingen beschäftigt. Und die großen Wert darauf legt, dass die Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung sie nicht ästhetisch beleidigen, sondern erfreuen.


Über Wert und Erinnerung

Warum also diese Antwort? Es hat lange gedauert, bis ich diese Kollektion in unserem Haus zusammengestellt hatte. Und es ist eine nie endende Arbeit. Dinge gehen kaputt oder finden den Weg trotz aller Barrieren durch unsere Tür, obwohl sie keinem meiner Kriterien entsprechen. Geschenke zum Beispiel. Zwingend Notwendiges wie das Physiotherapiekissen unseres Rüden. Was tut man nicht alles für die pelzigen Freunde.

Oder Shopping-Trophäen meines Gatten, der zu den Sammlern gehört. Ich dagegen betrachte mich als Jägerin.

Ich sollte meine Beute also doch hüten, hegen, pflegen und wertschätzen. Tue ich. Und es gibt natürlich Dinge in meinem Leben, die einmalig und die weit mehr sind als ihr Kern. Ein Kunststück eines Freundes, die kleine Nussbaumkiste, die mein Opa gebaut hat, das Armband, das mein Vater meiner Mutter geschenkt hat und das sie an mich weitergegeben hat. Dinge, die stark mit Menschen und Erinnerungen verknüpft sind.

Und dennoch: es sind nur Dinge. Einige können nicht ersetzt werden, was überaus bedauerlich wäre, aber es würde doch mein Leben nicht besser oder schlechter machen, wenn diese besonderen Dinge nicht mehr da wären. Die Erinnerungen, die Emotionen, die damit verknüpft sind, verschwinden ja nicht, wenn der Gegenstand den Weg allen Irdischen geht. Ich werde mich immer an meinen Opa erinnern, auch wenn ich diese Kiste nicht mehr besitze.

Und vielleicht liegt genau darin der wahre Wert von Dingen – in dem, was bleibt, wenn sie verschwinden.


Schönheit und Verdacht

Bin ich ein herzloser Mensch? Oberflächlich. Ich bin diplomierte Produktdesignerin; es ist mein Beruf, mich mit Dingen zu beschäftigten. Das ist in Deutschland ja immer noch ein bisschen suspekt, beinahe unanständig. Die äußere Form ist was für Pfauen. So etwas wie „bella figura“ oder „chique“ existiert bei uns nüchternen Teutonen nicht. Vielleicht, weil man es so schlecht abheften kann.

Schönheit ist der fahle Ersatz für innere Werte.

Und wer will schon schön sein, wenn man stattdessen wertvoll sein könnte?


Symbole und Zuhause

Und was ist mit diesen besonderen Dinge, die etwas symbolisieren: Religiöse, staatliche. Das Kreuz, eine Flagge – Ihr Ehering.Die spielen in einer sehr eigenen Liga, denn sie tragen eine Bedeutung, die die Gesellschaft ihnen gegeben hat. Selbst, wenn ich sage: Es ist bloß ein Stück Gold, kunstvoll geschmiedet, aber eben nur Edelmetall, wird ein Ehering (oder ein Kreuz, eine Flagge und was sonst auf die lange Liste gehört) immer auch mehr sein als das. Davon macht sich niemand frei. Wir haben eine lange Kulturgeschichte und ob wir wollen oder nicht: die haben wir immer im Gepäck.

Aber wir reden hier über Dinge, im besonderen über das Haus und das, was dazugehört. Das Zuhause.

Das altert anders und man kann viel besser intervenieren


Gefühl ist keine Methode

Warum fällt es es also so vielen Menschen schwer, das gut zu gestalten? Weil wir es nie gelernt haben. Und wenn man sich nicht auskennt mit Gestaltungsgrundlagen, greift man auf das zurück, was naheliegt:

Dem Gefühl.

Das hat jeder. Und: man kann es nicht diskutieren.

„Diese Tasse ist aber echt hässlich!“„Die hat meine Cousine zweiten Grades mir geschenkt, als wir zusammen auf einem Festival waren.“(Vermutlich, weil sie das olle Ding mit dem Werbeaufdruck einer Garagenband nicht mit sicher herumschleppen wollte.)

Da würden sie vermutlich noch mit mir gehen und sagen: weg damit!

Aber was, wenn wir ans Eingemachte gehen?

Devotionalien vom Fußballclub? Hart an der Grenze.Andenken an Verwandte und Haustiere? Über der Schmerzgrenze.

Und bevor Sie mich nun als herzlosen Menschen abstempeln: Ich will gar nicht, dass Sie den alten Spiegel, den Ihre Oma Ihnen geschenkt hat, wegwerfen, auch wenn er in keiner Weise dem entspricht, was Ihr Zuhause unter rein ästhetischen Gesichtspunkten benötigt. Ich wüßte da eine Vielzahl von Alternativen. Aber ein Haus braucht Brüche. Nicht im Putz, sondern in der gestalterischen Linie. Nichts ist schlimmer als eine aalglatte Hülle wie aus dem Katalog. Hängen Sie den Spiegel also gerne auf, wir finden einen Platz, wo er proportional gut aufgehoben und Ihrer Oma würdig ist.


Emotion als Tarnung

Und wenn wir die Dinge mal aussortieren, die Ihnen einen echten Bezug liefern – also zu Menschen, die Sie lieben – sind da noch all die anderen Sachen. Die üblichen Stehrumchens, Vasen, Figuren, Kerzenständer oder die unsäglichen „praktischen“ Dinge wie Tischmülleimer, den automatischen Entkorker, Behälter für geschälte Bananen oder Zeug mit Bildern von dem darauf, was wir mögen. Haustierbesitzer wissen, was ich meine. Und so sehr ich meine Hunde liebe – ich will keine Kuscheldecke aus Acryl mit Hundepfoten drauf.

Schlechtes Design wird gerne durch Emotion geadelt. Das ist ein so leicht zu duchschauender Trick, der aber sehr zuverlässig funktioniert. Vielleicht nicht immer so offensichtlich, denn da gibt es viele Auslöser. Ihre Lieblingsfarbe. Ihr Lieblingsfilm. Ihr geheimer Traum von einem Leben am Strand in Dänemark. Eine Kindheitserinnerung.

Zum einen eigenen sich diese Produkte hervorragend als Geschenk, das Leute für Sie kaufen, die Sie nicht besonders gut kennen, und zum anderen soll es Ihnen die Auswahl erleichtern.

Denn die ist viel zu groß. Firstworldproblem.


Illustration eines Wohnzimmers mit Frau und Hund, Symbolbild zum Artikel über den Wert von Dingen.
Wenn es um den wahren Wert von Dingen geht, ist der Hund auf dem Sofa wichtiger als das Sofa selbst.

Wenn Gefühl keine Richtung gibt

Wonach sucht man also aus, wenn ich die Emotion rausnehme?

Nach Farben. Aber welche passen zusammen?Nach Funktion. Natürlich, aber die ist meist gegeben. Oder erfunden.Nach Form. Welche ist schön?

Und nun komme ich daher und nehme Ihnen all diese Entscheidungshilfen, weil ich behaupte, dass sie nicht dazu führen, Ihr Zuhause schöner zu machen. Denn – hier schließt sich der Kreis – das ist oberflächlich.


Vom Reflex zum Geschmack

Viele von den Käufen, die wir tätigen, sind aus einem Reflex heraus. Shopping mach Spaß. Es ist zwar nur ein kurzzeitiger Kick, aber den kann man ja beliebig oft wiederholen. Und damit wir das tun, werden uns immer wieder neue, saftige Köder vor die Füße geworfen.

Billigst produziert, damit sich auch möglichst viele Menschen das Produkt leisten können und nicht lange darüber nachdenken müssen, ob sie es sich im Vorübergehen gönnen. Nie war die Mode so schnelllebig wie heute, das gilt auch für das Interior. Und Heerscharen von Influencern werden nicht müde, uns zu sagen, was in ist und was man tunlichst aus seinem Umfeld entfernen sollte, um nicht als altbacken daherzukommen. Damit die Wohnung edel und topmodern daherkommt. Dieses Ziel möchte ich in Frage stellen.

Da ich nun schon seit über 30 Jahren Interiors gestalte, habe ich genau das, was gerade angesagt ist – und von dem behauptet wird, es sei timeless (man sagt nicht mehr „zeitlos“) – schon mindestens einmal in meinem Berufsleben wegrenoviert. Trends kommen und gehen und nichts in dieser Welt wird das verhindern. Die einzig verlässliche Konstante ist die Veränderung.


Veränderung und Schöpferkraft

Wir lieben Neues. Wir sind neugierig – und das darf man auch positiv verstehen, denn wir würden sonst noch auf den Bäumen hocken und uns gegenseitig den Pelz lausen. Es fasziniert mich immer wieder, was Menschen sich alles ausdenken können. (Im gleichen Maße gruselt es mich davor, aber wir reden hier über die schönen Dinge im Leben.)

Welche unendliche Schöpferkraft! Da entstehen aus dünner Luft Opern, Gemälde, Romane, Skulpturen … und Bettwäsche aus Mikrofaser mit possierlichen Kätzchen drauf.


Geschmack ist trainierbar - und enthüllt den wahren Wert von Dingen

Es wäre zu einfach zu sagen „suchen Sie sich das Schönste aus“. Oder vielleicht auch nicht. Ich bin der Überzeugung, dass wir sehr genau wissen, was schön ist. (Einige Regeln stammen noch aus der Zeit, in der wir uns gegenseitig den Pelz gelaust haben.) Diesen Begriff darf man weit fassen, denn die Menschen sind unterschiedlich und damit ihr Empfinden für Schönheit.

Ja, Moment! Demzufolge müsste ich ja fast alles gelten lassen, auch die Kätzchen-Bettwäsche.

Nein. Kätzchenbettwäsche ist der dinggewordene schlechte Geschmack.Und Sie wissen das.

Dieses Wissen, besser: das Empfinden, liegt unter einer Schicht Konsumgütern begraben.Oder es ist wie ein ungenutzter Muskel.

Zum Glück lässt sich dieser Muskel trainieren. Es dauert eine Weile, das geht nicht von heute auf morgen. Aber anders als ein schweißtreibendes Marathon-Training ist dieser Weg nicht ermüdend. Eher im Gegenteil; es macht eine Menge Spaß. Und Erfolge sind sichtbar.

Sie müssen sich nicht mit Kalorienzählen quälen oder einem Pulsmesser – Sie dürfen in Stoffen wühlen, Hölzer streicheln und Farben kombinieren, Proportionen testen.

Am Ende steht dann eine Komposition, ein Ausdruck Ihrer Persönlichkeit, ein kostbarer Schatz. Einmalig. Sorgfältig ausgewählte Dinge sind ein Teil davon. Sie stützen das, setzen es fort, formen eine Idee zu einem Zuhause.


Epilog

Und das ist das, was Dinge auch tun können.Sie sind ein Stilmittel. Aber nie das Leben selbst.

Deshalb rette ich meine Hunde –und nicht die Kiste, die mein Opa gebaut hat.

Denn am Ende zeigt sich der Wert von Dingen darin, wie wenig sie brauchen, um Bedeutung zu haben.

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